Five Days, Part Of History - Jahrgangsfahrt London 2022

© HLA-Hameln 2022

So gegen neunzehn Uhr. Wir saßen gerade in einem indischen Restaurant, mitten in London. Mindestens fünf Tische, die unser Jahrgang mit rund fünfzig Köpfen besetzte. In einem kleinen, gemütlich eingerichteten Räumchen. Es war eine schöne Atmosphäre in der wir uns unterhielten, Späße machten, unser gutes Essen genossen. Zwischenzeitlich holten wir alle mal unser Handy raus, schauten in die Nachrichtenleiste. Halt mal checken, was gerade so außerhalb des Inders abgeht. Ein paar Minuten später hörte man an einem Tisch eine Randbemerkung. "The Queen is dead".

Konnte keiner so richtig glauben, war wahrscheinlich irgendein blöder Scherz. Aber immer mehr Telefone flimmerten auf, überall Bilder der britischen Queen. Die Nachricht sollte sich als wahr herausstellen. In dem Moment, in dem wir, aus Hameln, inmitten Londons saßen. Aber von vorn.

Montag, 05. September.

08:30 Uhr. Vereinbarte Treffzeit hinter unserer Schule. Da wartete unser Reisebus, der uns auf einer wilden, rund zwölfstündigen Fahrt in die Hauptstadt Großbritanniens kutschieren sollte. Nach dem Einladen aller Koffer ging's los.

So super viel spektakuläres lässt sich über die Anfahrt jetzt nicht schreiben. Mal ne Schlafpause, mal ne Raststätte. Ein bisschen einkaufen, für 'n knappen Euro zur Sanifair-Toilette, ab und zu die Insta-Story mit neuen Bildern der Fahrt auffrischen. Um achtzehn Uhr ging's in Frankreich auf die Fähre. Zwei Stunden die Beine vertreten, ein bisschen Frischluft schnappen. Abends, halb zehn, war Ankunft im Hostel. Betten beziehen, kurz frisch machen und ein kleiner, gemeinsamer Spaziergang zur Tower Bridge. Und damit war der Montag dann auch schon vorbei. Erstmal ins Bett.

Dienstag, 06. September.

07:30 Uhr. Aufstehen war angesagt. Halb neun sollten wir alle beim Frühstück sein. Und auch ja keine Minute später. Sonst sollte Herr Latzel mit seinem zuvor angekündigten, spektakulären Aufweckkommando ins Zimmer stürmen, das jeden aus seinen noch so tiefen Traumwelten holt. Also, so hat er das ungefähr gesagt. Wir waren alle pünktlich. Um halb zehn machten wir uns dann zusammen auf einen Ausflug zum Piccadilly Circus. Einem öffentlichen Platz im Londoner West End, der einige der wichtigsten Straßen der Metropole verbindet. Ein Knotenpunkt sozusagen, der mit seinen großen Werbetafeln ein Quäntchen Charme des New Yorker Time Square inne hält. Weiter entlang ging es durch das Viertel Mayfair, die City of Westminster, durch den Green Park, bis hin zum Buckingham Palace. Ein schönes Gebäude, von dem wir noch nicht ahnten, wie viele tausend Menschen es ein paar Tage nach unserem Besuch anziehen sollte. Gegen Mittag fuhren wir nach Camden Town. Ein außergewöhnliches Viertel Londons, voller Besonderheiten, vielfältigen Restaurants und Geschäften. Der restliche Nachmittag lag in unserer eigenen Planung, in der sich einige von uns im Camden Market verköstigten, andere die Geschäfte des Stadtteils erkundeten. Ein guter Mix, bei dem jeder auf seinen Geschmack kam. Frau Erhardt hatte uns einige Tage vor Abfahrt von einer Bar erzählt, die wir am Dienstagabend besuchen wollten. Das "Ballie Ballerson", eine Art Club mit Bällebad. Und es war wirklich ziemlich cool. Barkeeper, die mit akrobatischen Bewegungen Cocktails zauberten, "zwei-für-eins"-Getränkedeals und ein riesiges Becken voller weißer Kunststoffbälle, aus dessen Tiefen man sich ab und zu erst einmal wieder freischaufeln musste.

Mittwoch, 07. September.

10:00 Uhr. Aufgestanden waren wir schon. Gleiches Morgenritual wie am Tag zuvor. Es stand ein gemeinsamer Ausflug zum Sky Garden auf dem Plan. Ein Wolkenkratzer, von dessen oberstem, dschungelartigen Stockwerk wir einen Blick über die Skyline Londons wagen wollten. Angemeldet waren wir alle, sein Ticket hielt jeder in der Hand. Nur trafen wir vor Ort auf einen sturen Sicherheitsmann, dem unsere Gruppe zu groß für eins der höchsten Londoner Gebäude war. Also, Planänderung. Kein Dachblick, dafür ein Rundgang durchs Bankenviertel mit Ende an der Millennium Bridge. Eine Hängebrücke, die als Drehort einer der aufwendigsten "Harry Potter"-Szenen diente. Den verbleibenden Tag konnten wir frei nutzen und die touristischen Facetten der Hauptstadt erkunden. In meiner Gruppe ging es zum London Dungeon, einige besuchten abends eins von drei zur Auswahl gestellten Musicals. Später machten wir eine Rooftop Bar in Theatre District Londons ausfindig, von dessen Dachterrasse wir auch gleich noch eine Filmpremiere mit George Clooney und Julia Roberts verfolgen konnten. Mit einem abendlichen Abstecher in die asiatische Geschmackswelt Chinatowns endete der dritte Reisetag. Zumindest für die meisten. Denn einigen Clubs der Metropole ließ sich nicht widerstehen.

Donnerstag, 08. September.

Auch wieder 10:00 Uhr. Über den traditionellen Morgenablauf ist nichts mehr offen zu schreiben. Dieser letzte, ganze Tag unserer Reise sollte aber spannend werden, weil sich gleich mehrere Ereignisse überschlugen. Also, schön weiterlesen. Los ging es am Donnerstagmorgen in Greenwich, ein Stadtteil im Südosten Londons, von wo aus wir die Themse auf einer Rundfahrt entlang gondelten. Bis zur Abfahrt erkundeten wir einige Ecken im ehemaligen Zentrum der britischen Marine, ließen uns kurzerhand in einem kleinen Café nieder und warteten das Ende des aufgekommenen Regenschauers ab. Auf der einstündigen Themse-Tour blickten wir auf viele Sehenswürdigkeiten Londons, passierten die verschiedenen Stadtbrücken und hielten alles feinsäuberlich in unseren Handyfotos fest. In unserer freien Zeit nach der Touri-Bootstour besuchten einige die Oxford Street. Eine der größten Einkaufsstraßen der Metropole, in der sich Geschäfte bekannter Marken mit aus jeglichem Schnickschnack bestehenden Lädchen aneinanderreihen. Hier noch die letzten Mitbringsel-Einkäufe für Familie und Freunde erledigen, um irgendwie die letzten Pfund loszuwerden. Abends hatten wir uns auf ein gemeinsames Essen in einem indischen Restaurant verständigt. Fünfzig Mann und Frau in einem kleinen, aber gemütlichen Lokal. Irgendwann, so gegen halb acht muss es gewesen sein, erreicht uns, mitten beim Essen, die Todesnachricht der Queen. Ein historischer Moment, dem wir kaum näher hätten sein können. Ein surrealer, gleichwohl aber emotionaler Moment, der über die Grenzen des vereinigten Königreichs hinausgeht. Die 70-jährige Regentschaft von Elizabeth II. war zu Ende gegangen. Diesen einmaligen, ja historischen Moment wollten wir nicht nur gesehen haben, sondern erleben. Also, nach dem Essen, raus ins Getümmel. Nicht alle, aber einige von uns. Mit Regenschirm zur nächsten U-Bahn, geradewegs zum Buckingham Palace. Ein paar Fußminuten und wir standen inmitten einer Ansammlung hunderter, wenn nicht tausender Menschen. Viele legten Blumen vor den Toren des Palastes nieder. Andere kletterten mit gehisstem Union Jack auf die sechsundzwanzig Meter hohe Siegesstatue, das Victoria Memorial. Hier und da mal ein Journalist, Handys als Live-Stream-Kamera. Wenige Meter entfernt eine Reihe beleuchteter, weißer Zelte. In Ihnen fanden sich die großen Fernsehsender, Magazine und Zeitungen zusammen, die hautnah vom königlichen Ableben berichten wollten. Einige von uns sahen sich die Menschenmassen erst am Folgetage an. Manche machten sich aber noch am Abend auf den Weg zum Piccadilly Circus. An der großen Videowand waren nicht mehr die Werbeanzeigen vom Vortag zu sehen. Die Bildschirmtafel blieb schwarz, seitlich leuchtete ein übergroßes Bild der Queen, daneben der Schriftzug "Her Majesty The Queen Elizabeth II, 1926 - 2022". Es war ein besonderer Tag für Großbritannien. Einer, bei dem wir dabei sein durften.

Freitag, 09. September.

Dieses Mal 08:30 Uhr. Abreisetag. Koffer packen stand als erstes auf der ToDo, dann ein letztes Frühstück im Hostel. Gegen zehn Uhr machten wir noch einen Ausflug ins Museum. Freiwillig. Danach blieben uns ein paar wenige Stunden frei, die manche zum Essen nutzten, manche zum Shoppen. Noch ein bisschen Londoner Luft atmen, ab in die U-Bahn und zum Bus. Gleicher Weg, gleiche Zeit. Wieder so um die zwölf Stunden. Gegen sechs Uhr morgens landeten wir wieder in unserem kleinen, beschaulichen Hameln. Zurück aus der Großstadt, zurück in den Alltag. Mit einem besonderen, zeitgeschichtlichen Erlebnis im Gepäck, von dem wir wohl später noch vielen erzählen werden. Ein ganz besonderer Dank gilt unseren drei Planern, Betreuern und Lehrkräften. Frau Ehrhardt, Frau Fischer und Herrn Latzel. Vielen Dank, dass Sie diese Fahrt möglich gemacht haben. Für unseren Jahrgang gesprochen: es lässt sich festhalten, dass wir alle auf unseren Spaß gekommen sind. Dass wir tolle Erfahrungen gemacht haben und uns gerne an diese Septemberwoche zurückerinnern werden.

 

Autor: MICHEL OELER mit LA